Gemeinschaftsaktion von BUND, Kanurado und der BI "Rettet die Werra"

Kleiner Anfang – großer Erfolg, so könnte man die erste Paddel-Demotour des BUND Werra Meißner für eine saubere Werra überschreiben.

„Wir könnten doch im April mal ´ne kleine Kanutour auf der Werra machen. Dann zeige ich Euch wie schön sie ist, erzähle was über Gewässerökologie und sanften Tourismus,“ so Manfred Weick - Besitzer von Kanurado  beim Planungsfrühstück des BUND Kreisverbandes Werra-Meißner Anfang März diesen Jahres.
„Dann müssen wir eigentlich auch gleich für eine salzfreie Werra demonstrieren, vielleicht sogar mit der BI „Rettet die Werra“ zusammen“, so eine der weiteren Ideen aus dem Mitgliederkreis.

Start der Tour am Camp "Maisy May"

Gesagt – getan. Der Termin wurde auf den 18. April festgelegt, vor dem Beginn der Paddelsaison und weil wir wohl irgendwie ahnten, daß dann traumhaftes Wetter sein würde. Startpunkt: Eschwege, Zielort: Bad Sooden Allendorf.  Obwohl der Termin nur kurze Vorbereitungszeit ließ, kam alles gut ins Laufen. Ein Anruf bei Bürgermeister Frank Hix (BSA) genügte, um die BI mit ins Boot zu holen. Telefonisch wurde die pressewirksame Idee geboren, mit großen K&S-Salzstreuern die Werra noch weiter symbolisch zu versalzen  und die Widerstands-Paddler würden dem tatkräftig entgegentreten. Um Beschwerden gleich vorzubeugen sei angemerkt, dass sich in den Salzstreuern lediglich Werra-Sand befand.

Austeilen der Schwimmwesten

Die weiteren organisatorischen Aufgaben wurden  auf etliche Schultern verteilt: Presse informieren, Werbung machen für die Tour, Zwischenstopp in Kleinvach festzurren, Salzstreuer herstellen und weiße Schutzanzüge kaufen, Parteien informieren, die wider erwarten reichlichen Anmeldungen entgegennehmen (Etlichen musste abgesagt werden).
Den Löwenanteil an Vorbereitung leistete allerdings Kanurado: Genügend Boote aus dem Winterschlaf wecken, Paddel und Schwimmwesten bereitlegen, den idyllischen Platz am Werratalsee klarmachen...

Und dann war es soweit: Bei herrlichstem Sonnenschein – mit noch leichtem Nebel über dem See – versammelten sich 66 Leute jeden Alters und Geschlechts auf dem Kanurado-Platz, mißtrauisch beäugt von Enten, Gänsen, Blässhühnern und einem jagenden Falken.

und ab in die Boote...

Dass mit einer solch großen Gruppe gepaddelt wurde, war eine Ausnahme und dem Demo-Charakter geschuldet. Kanurado hält seine Gruppen aus ökologischen Gründen üblicherweise kleiner.

Nach einer Einführung - Anlegen der Schwimmwesten, sicheres Einsteigen in die Kanus und die richtige Handhabung des Paddels - ging es dann auf den ruhig daliegenden See zum Einpaddeln. Vorher allerdings gab es noch die unvermeidliche Einstimmung in den tieferen Sinn unseres Sonntagsvergnügens: Natur erleben, mit allen Sinnen die Schönheit des Flusses und der Landschaft  genießen und dabei noch dem Fluss helfen, ihn vor der schädlichen Fracht zu schützen. Schließlich darf der Druck auf K&S, sich seiner Verantwortung für die Umwelt zu stellen, nun nicht nachlassen. Wer mal locker einen amerikanischen Konzern kaufen kann, sollte auch Geld für die Ökologie haben.

erste Paddel- und Lenkmanöver auf dem Werratalsee

Nach kurzer Überquerung des Werratal-Sees kam das Übertragen über den Werra-Damm in den Fluß: Gemeinsames Anpacken und gegenseitige Hilfestellung erleichterten den Trockengang für alle. Erster, aber auch letzter Öko-Rüffel: Kanus werden nicht über die Wiese gezerrt, auch wenn sie schwer sind.

Und dann wurde es spannend am Wehr in Eschwege: Die Strömung war doch noch recht stark – wie oft beim Wasserhochstand im Frühjahr – und der Einlauf der ca. 25 Boote in die Schleuse für einige gar nicht so einfach. Die lautstarken Anweisungen von Manfred Weick vom Ufer aus ließen aber doch alle Boote sicher in die Schleuse einlaufen – und abwärts ging´s.

etwas Nervenkitzel beim Passieren der Schleuse

Danach folgte dann Genuß pur – sich treiben lassen, manchmal ein wenig beschleunigen, in der Sonne faulenzen, das reichhaltige Wasservogelleben beobachten, dem Balzen der Frösche lauschen und nicht zuletzt „Schnuddeln“ mit Paddelnachbarn. Auch die Jugend war phasenweise im Balzrausch und suchte Kontakt mittels gegenseitigem Wasserspritzen. 

Dann: Anlegen in Kleinvach zwecks Pause und Essenfassen in der Paddler- und Radlerrast: Hier gingen einige PadlerInnen  unfreiwillig „baden“ trotz Anlandung auf der Sandbank unterhalb des offiziellen Anlegers (der ist nämlich bei höherem Wasserstand ungeeignet zum sicheren Landgang.) Sie  „prüften“ allerdings bei der Gelegenheit schon mal vorab den Salzgehalt der Werra. Fazit: Eindeutig zu schmecken! Also zu hoch für Süßwasserliebhaber!

Gestärkt und ausgeruht wurde dann die ursprünglich für Bad Sooden Allendorf vorgesehene Demo-Aktion vorgezogen, da wir schon reichlich Verspätung eingefahren hatten (die Trägheit der Masse  hatte bei so vielen TeilnehmerInnen doch stärker zu Buche geschlagen, als geplant.) Eine kleine Theaterimprovisation „Das Volk will einen sauberen Fluß und besiegt Kali&Salz“ wurde uraufgeführt, unter reger Anteilnahme des Sonntagsspaziergangspublikums und im Blitzlichtgewitter von Presse und Publikum. Für wackelfreie Bilder erstarrten die Akteure auf dem Anleger quasi zur Salzsäule.

Rast in Kleinvach

Im Pressegespräch wurde dann noch einmal dargelegt, worauf es  ankommt: Da sind zunächst die Forderungen des Runden Tisches, die als Reader vorliegen. Der empfiehlt u.a. ab 2012 die schrittweise Senkung  der derzeit  sehr hohen Einleitwerte bei z.B. Chlorid von jetzt 2500 mg/l auf 100mg/l.  Die jetzt noch gültige Genehmigung stammt immerhin – man glaubt es kaum -  aus dem Jahre 1943. Ferner soll die Salzlaugenverpressung in den Plattendolomit baldmöglichst, spätestens bis zum Jahr 2015 gestoppt werden, damit die entsprechenden Gesetze zum Grundwasserschutz  eingehalten werden und Grund- bzw. Trinkwasser  und der Fluss vor sogenannten diffusen Einträgen geschützt wird. (Die Gemeinde Gerstungen klagt im übrigen gerade gegen Kali und Salz wegen dieser Grundwasserverunreinigungen). Die vollständige Einstellung der Verklappung der Salze soll bis zum Jahr 2020 erfolgen. Eine lange Zeit zum Umsteuern, sollte man meinen. Dies muss K&S bewerkstelligen unter Ausnutzung aller zur Verfügung stehenden technischen Mittel wie Eindampfen, Wiedereinbringung der Reststoffe unter Tage usw. Der Runde Tisch fordert bis zur vollständigen Einstellung der Einleitungen auch den Bau einer Salzpipeline zur Nordsee, um  Werra und Weser nicht mehr als Ersatzpipeline zu missbrauchen.

Zu  teuer, technisch nicht machbar, so K&S und sowohl das Land Niedersachsen als auch die Werra-Weser-Anrainerkonferenz stehen  dem  Pipelinebau mit  der direkten Einleitung ins Meer  ablehnend gegenüber.

In der Tat ist noch nicht abschließend geklärt, wie sich eine Einleitung in die Nordsee dort ökologisch auswirkt. Zum Schutz der Flüsse und des Meeres  muss jedoch das beste technisch machbare und nicht das für K&S billigste Verfahren angewandt werden.

 

Unser "Leitboot" mit dem Kanurado-Team

Im Pressegespräch kam auch die Philosophie der beiden Kanurado-Betreiber, das Engagement für einen naturverträglichen Kanutourismus auf der Werra, die Sorgen der vom Tourismus lebenden Anrainer, ihr grosses Interesse an einem unbelasteten Fluss zur Sprache.

Körperlich und mental gestärkt, (der Sieg über die „Salzstreuer“ war unser) ließen die Paddler und Paddlerinnen wieder ihre Boote zu Wasser zur letzten Etappe zum Bootshaus in Bad Sooden-Allendorf. Hier lief das  Anlegen und die Boote aus dem Wasser holen  glatt, der Tag klang aus im Schatten einer großen Weide, dem Säubern und Verladen der Materialien und Boote und vielen Gesprächen bei Eis und Keksen.

Einhellige Meinung: Ein schöner, erlebnisreicher, für manche auch anstrengender Tag ging zu Ende und ist es wert, wiederholt zu werden!

Wir lassen uns die Freude am Fluss nicht von Kali und Salz verderben, aber wir fordern den Konzern auf, endlich Konsequenzen zu ziehen und dafür zu sorgen, dass die Werra wieder in einen guten ökologischen Zustand versetzt wird, anstatt mit Maulkörben und Androhung von Zwangsgeldern Kritiker mundtot zu machen. Der Fluss darf nicht weiter ein Kanal  für Abfallstoffe aus der Kaliproduktion sein. Der Weltkonzern K&S sollte die Chance nutzen, durch vorbildliche Abwasservermeidung und -klärung sein Image aufzupolieren. Der BUND ist auch nicht der Meinung, dass, wer gegen die Werra-Versalzung demonstriert und diese anprangert, gegen den Tourismus arbeitet, wie es Kreispolitiker neulich in der Presse formuliert hatten. Das Image der Werra wird nicht dadurch erhöht, dass man Tatsachen verschweigt - auf diese werden die Paddler und Paddlerinnen spätestens im Hochsommer bei niedrigem Wasserstand durch ihre Nase hingewiesen - sondern dass man offen damit umgeht und durch ein ganzes Paket von Verbesserungen die Probleme zu lösen versucht.

Das schönste an der Werra-Kanutour aber war, so viele Menschen jeden Alters quasi in einem Boot vereint zu sehen im Einsatz für die Werra, die unserem Kreis einen Teil des Namens gibt.


Mehr Fotos gibt es auf www.kanurado.de



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